Und wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt…

Tribüne im Landboten, erschienen am 5. August 2014

Sie sind unerschrocken, die Winterthurer/innen, sie haben nur eine Angst, nämlich dass Ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Und weil Gewitterwolken am Horizont aufziehen, bemühen Untergangsbeschwörer genüsslich die bevorstehende Apokalypse. „Wir sind am Ende, wir sind die Griechen der Schweiz!“, rufen Sie ins Land. Das Geld geht aus, der Geist des Bahnexperiments aus dem 19 Jahrhundert taucht auf und der Stapi tritt vors Volk. „Liebe Leute, wir sind 750 Jahre alt geworden, durch wilde Seen gesegelt und haben allen Stürmen getrotzt. Wir haben leere Kassen. Lasst uns miteinander den Gürtel enger schnallen und uns für weitere 750 Jahre rüsten. Gemeinsam werden wir schaffen, denn wir sind Winterthur!

Am Rande des Zürcher Weinlandes gelegen, ohne See und in unmittelbarer Nähe zu Zürich (Grrrrr..) leben die Winterthurer/innen ein beschauliches und glückliches Dasein. Sie feiern jedes Jahr ihre Dorffeste, das Albanifest, Afropfingsten, das Oktoberfest oder die Musikfestwochen. Und sie sagen es jedem der es hören oder auch nicht hören will: „Wir leben in einer tollen Stadt, die Lebensqualität ist super. Auf kleinstem Raum haben wir ein riesiges Kultur- und Unterhaltungsangebot, wir bewirtschaften erfolgreich die ganze Welt und trotzdem kennen wir uns alle so gut, wie im Dorf.“

Aber ja, Winterthur ist eine Grossstadt. Das ist allerdings mehr eine schweizerische Erfindung, mit der wir unsere Kleinheit unnötigerweise gross machen wollen. Die Welt zählt heute über 300 Millionenstädte. Haora, Seongnam, Dnipropetrowsk, Gaziantep, Wuxi, Fuzhou oder Maputo haben mehr als 10-mal so viele Einwohner/innen. Und wer wandert schon von Winterthur in eine dieser Städte aus? Ohne wirklich triftigen Grund niemand. Wir wissen es vom Schiff aus, dort erwartet uns weniger als hier. In jeder Hinsicht. Denn in Winterthur geht es uns unglaublich gut! Winterthur ist das Dorf mit 100‘000 Einwohner/innen, die mit dem Stapi per Du sind und ihm ihre Sorgen direkt mitteilen können – denn er ist fast an jeder Hundsverlochete anzutreffen.

Was gibt es denn da zu beklagen? Ernsthaft, was läuft schief? Es fehle am Geld für die öffentlichen Leistungen. Nun, ich bin auch der Ansicht, dass der Staat nicht mehr ausgeben soll, als er hat. Das Axiom, das er in schlechten Zeiten investieren solle um, funktioniert nur, wenn er Vermögen hat. Falls das Vermögen fehlt, gibt es nur eines: den Gürtel enger schnallen. Und das tut die Stadtregierung gerade – offensichtlich nicht zur Freude aller. Weil die Diskussion sehr öffentlich ist, wie sich das für ein Dorf gehört, und weil es die Dorfgazette (liebe Landotenredaktion, das ist als Liebeserklärung gemeint) als lebendiges Organ hier noch gibt, und weil der Zeitgeist nach Dramatischem verlangt, wurde aus der Herausforderung ein Problem. Und fällt uns jetzt der Himmel auf den Kopf?

Im kleinen gallischen Dorf an der bretonischen Küste fallen die Dorfbewohner dann übereinander her, wenn sie eigentlich Frieden haben könnten. „Deine Fische riechen seltsam“, meint der Schmied zum Fischhändler und löst zum Gaudi aller den grössten Tumult aus. Bis eine Gefahr von aussen droht und das Dorf vereint. Dann sind die kleinen Probleme vom Tisch und es wird kräftig draufgehauen und am Schluss gefeiert. Ja, ich weiss, der Kultur geht es dabei nicht gut, der einzige Vertreter wird gefesselt und geknebelt.

So ist es dann doch nicht in Winterthur. Die Bewohner/innen werden regelmässig befragt und bestätigen mit sensationeller Mehrheit, dass sie mit dem Leben in der Stadt und mit ihrer Regierung zufrieden sind. Nun müssen die Finanzen ins Lot gebracht werden. Das ist nicht einfach, sicher. Aber auch nicht dramatisch, es ist halt einfach eine Aufgabe. Betrachten wir sie als eine Herausforderung, die gemeinsam gelöst werden will, so kann daraus etwas Anregendes und Begeisterndes werden. Die Dorfschlägerei im gallischen Dorf ist zwar unterhaltsam und dramatisiert die Langweile, aber sie bewältigt keine Schwierigkeiten.  

Winterthur ist eine Stadt mit ihrem eigenen Zaubertrank: eine gutorganisierte öffentliche Infrastruktur, gesunde und progressive Unternehmen in Zukunftsbranchen, ein reges Kulturleben, erstklassige Wohnlagen für alle Bedürfnisse, tolle Restaurants etc. Vor allem jedoch Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren. In den vielen Vereinen, im Jubiläumsjahr (warum wird das immer schlecht gemacht?), in den Quartieren, in Projekten wie die Kinderoper mit 800 Schüler/innen und in vielen kleinen Bewegungen leben und lieben die Winterthurer/innen ihre Stadt.

Diese Menschen wollen anderswo nicht gefragt werden, was denn mit ihrer Stadt los und ob sie dem Ruin nahe sei. Denn es ist ihr Zuhause, wo sie sich wohlfühlen, ihre Heimat an der sie täglich teilhaben. Das ist auch der wahre Grund für die Lebensqualität dieser Stadt, die vielen Menschen, die tagaus tagein am guten Zusammenleben arbeiten. Dass jetzt einmal gespart werden muss, kann den Charakter und die Ausstrahlung dieser Stadt nicht behelligen.

Und wenn andere wieder einmal mit Rezepten, Ideen oder Forderungen an die Stadt treten, dann dürft ihr ganz gelassen auch mal sagen: „Die spinnen, die Zürcher.“